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Herr Wosche

07.03.2010

Herr Wosche lebte in einer kleinen Stadt, in der Jeder Jeden kannte. Auf den ersten Blick schien Herr Wosche ganz normal. Er war von langer Statur, dafür schmächtig und trug eine Glatze, alles ganz normal. Aber alle Leute fanden Herrn Wosche seltsam. Denn immer wenn Herr Wosche zu sprechen begann, dann schlenkerten seine Arme und Beine rhythmisch hin und her und sein Kopf wackelte. Es sah total schräg aus. Je schneller und lauter Herr Wosche sprach, desto wilder schlenkerte und wackelte er und manchmal kam es vor, dass er das Gleichgewicht verlor und lang hinschlug. Deswegen war Herr Wosche ständig über und über mit Schürfwunden, blauen Flecken und Pflastern übersät.

 

Bei jeder Gelegenheit machten sich die Leute über Herrn Wosche lustig. Wenn er beim Bäcker sagte: „Bitte ein halbes Vollkornbrot“, dann hüpfte dabei sein rechter Arm nach links und sein linkes Bein nach oben und sein Kopf wackelte wie ein Uhrenpendel hin und her. Die anderen Leute im Bäckerladen lachten sich schlapp.

Ging Herr Wosche zum Bratwurstessen in sein Lieblingsrestaurant, ging es jedes Mal schief. Denn egal ob er eine Bratwurst bestellte oder die Rechnung verlangte, immer fegten dabei seine Arme das Geschirr vom Tisch und am Ende war immer alles kaputt. Die anderen Gäste prusteten vor Schadenfreude ins Frikassé. Der Kellner aber schäumte vor Wut.

Am schlimmsten jedoch kam es, wenn Herr Wosche in einer Telefonzelle mit seiner Tante telefonierte, um sein Leid zu klagen. Er redete und redete sich so sehr in Rage, dass am Ende sein ganzer Körper in die Telefonstrippe verwickelt war und nicht mehr heraus kam. Dann stand die halbe Stadt vor dem Telefonhäuschen und hielt sich die Bäuche vor Gelächter.

 

Eines Tages zog ein Riese in die kleine Stadt. Als Herr Wosche einmal singend - lala lala lala - an seinem Haus vorüber zog, da mochte ihn der Riese sofort gut leiden. Der Riese lag gerade in der unteren Etage seines Hauses und schaute mit dem ganzen Kopf zur Terrasse hinaus. „Huhu“ brüllte der Riese.

Herr Wosche blieb stehen. „Wer bist du“ fragte er, begleitet vom Schlenkern seiner Arme und Beine.

„Das gibt’s doch gar nicht“ brüllte seinerseits der Riese und schlug vor Begeisterung mit seiner Hand, die aus dem Seitenfenster hing, in den Vorgarten. „Du kannst ja gleichzeitig reden und tanzen!!! So was Einzigartiges habe ich noch nie gesehen!“ Der Riese kletterte etwas umständlich aus seinem viel zu kleinen Haus. Als er schließlich auf der Straße stand, entdeckte er von oben eine geheimnisvolle, wunderschöne Blume auf der Glatze von Herr Wosche. Die Blume hatte noch nie zuvor jemand entdeckt, weil bisher noch niemand größer als Herr Wosche gewesen war.

 

Der Riese und Herr Wosche zogen zusammen in das kleine Haus. Wenn man an einem schönen sonnigen Tag vorbei kam, konnte man sehen wie Herr Wosche aus dem Fenster der 2. Etage lehnend mit einem Besen die Haare des Riesen kämmte, der im Erdgeschoss lag. Am liebsten aber sangen und tanzten die beiden im Garten. Der Riese hatte extra überall Moos angepflanzt, damit Herr Wosche immer ganz weich fiel, wenn seine Arme und Beine allzu sehr schlenkerten. Und übrigens, wenn man ganz höflich fragte, dann wurde man von dem Riesen hoch gehoben und durfte die Blume auf der Glatze von Herrn Wosche bestaunen.

DER ARME JENS

 

Als Kind dachte Jens ganz clever bei sich:

Ich ess immer zuerst das Eklige bei Tisch.

Hab ich den ollen Kram ratzfatz aufgegessen,

bleibt für mich nur noch das leckere Essen!

 

Doch was tat die Mutter im Gutglauben dem Bub?

Sogleich noch mehr von dem Ekligen auf den Teller hub.

Statt seine Alte mal ordentlich anzumotzen,

ging Jens nach den Mahlzeiten lieber kotzen.

 

Diese Mechanik, so schäbig und gemein,  

wird für immer Jensens Elend sein:

Absolvierst du zuerst, was dir verhasst,

so fällt es dir erst recht zur Last.

 

Im Studium, der Jens recht treu und brav,

pünktlich im öden Pflichtseminar saß.

Gänzlich falsch verstand dies sein Prof,

daraufhin mit Jens die halbe Nacht versoff.

 

Der Prof drängt Jens in sein Forschungsthema:

„Schrieb Thomas Mann nach einem Schema?“

Dabei standen unserem Jens die Sinne

seit je nach den Gesängen der Minne.

 

Die gute Erziehung ließ Jensen schweigen

und geheucheltes Interesse zeigen.

Der Prof seinem Opfer den Lieblingsstoff lehrte,

nach sechs Jahren Uni war Jens dessen Experte.

 

„Jetzt mach ich was ich will, jetzt hab ich Ruhe“

dachte Jens und stopft seine Vergangenheit in die Truhe.

Doch weit gefehlt du Schwerenöter,

wer nur versteckt, der ist kein Töter.

 

Das Mädchen Simone, klopsig und nicht sehr helle,

wich bei Jensen nicht mehr von der Stelle.

Er machte den Fehler und trank mit ihr Sekt,

Simone heimlich die Gummis versteckt.

 

Noch neun Monate, dann ist es da!

Inzwischen gibt Jens in der Kirche sein Ja.

Gezwungen von Simones reichem Vater,

der macht um seine Tochter ein Riesentheater.

 

Jens arbeitet in Schichten

bei ganz armen Wichten.

Rackert sich ab und bricht den Rekord,

die Sorgen laufen mit seinem Schweiße fort.

 

Es herrscht Kapitalismus und das spricht Bände:

Jensens Chef reibt sich die Hände:

„Da haben wir ja mal einen Dummen,

dem können wir noch mehr aufbrummen!“

 

Nach fünf Jahren hat die Gesundheit Lücken.

Jens humpelt und geht nun an Krücken.

„Etwas läuft schief in meinem Leben“,

denkt Jens und geht ganz schön Einen heben.

 

Ab jetzt dreh ich ihn um, den Spieß,

und vermehre tunlichst meinen Kies.

Diese Idee im Suff geboren,

war nicht so rechte ausgegoren.

 

„Geb ich viel Geld aus, dann kommt viel rein,

so läuft der Hase, so muss das sein.“

Doch diese Rechnung lässt Jens im Stich,

die Geldnot naht, und zwar fürchterlich.

                     

Auf die Armut folgt sehr schnell das Laster.

Darauf flieht Simone samt Kind dem Desaster.

Einsam und vergessen liegt Jens lange wach,

der Alkohol spült seinen Willen schwach.

 

Ohne Familie, Geld und ohne Heim

ging Jens seiner Psyche auf den Leim.

Depressionen verwirrten das Gehirne,

kochen es weich wie eine reife Birne.

 

Hängt sich mit dem Hals an einen Strick

und dieser Anblick ist alles andere als chic.

Auf seinem Grab steht etwas von Thomas Mann,

den Jens eigentlich nicht leiden kann.

 

Die Moral dieser Tragödie gibt uns den Rest:

Tu stets NUR das, was sich nicht vermeiden lässt!

Was dir nicht passt, lass ruhig liegen,

denn die Frechheit dieser Welt – die wird siegen!

 

Ella hörte Stimmen. Die Stimmen gehörten den Mieseprechten, ganz kleine Gestalten, die man kaum sehen konnte. Sie hingen im Allgemeinen an den Ohrläppchen und machten ihren Opfern das Leben schwer. Die Mieseprechte wollten immer das Gegenteil von dem, was Ella wollte. Immerzu plagten sie Ella mit ihrem fiesen Geflüster, hetzten sie gegen andere auf, säten Neid und Missgunst.

 

In Ellas Straße wohnte ein Junge. Kevin konnte keiner leiden. Er war dumm, hübsch gleich gar nicht und außerdem todtraurig. Immer zog er ein langes, langweiliges, trauriges Gesicht. Alle hänselten ihn: „Grützspuckenkind“ oder „Hau ab, du Assikind!“ „Kevin ist blöd!“ stand sogar auf den Häuserwänden.

 

Ella tat Kevin leid. Aber jedes Mal, wenn sie mit Kevin spielen wollte, zischten die Mieseprechte los: „Der ist doch saublöd“, sagten sie. Oder: „Wenn du mit ihm spielst, ist die ganze Straße gegen dich!“ Und: „Wer Assikindern hilft, ist selbst ein Assikind.“

 

Eines Tages liefen die Eltern von Kevin verzweifelt die Straße rauf und runter. Sie rochen nicht gut und hatten sich vor lauter Sorge um ihr Kind betrunken.  Laut grölten sie seinen Namen: "Keeeeviiiin!" Ein nachdenklicher alter Mann auf der Straße murmelte in seinen Bart: Sie haben ihr Kind an die Traurigkeit verloren.

 

So war es. Kevin war am Ende so traurig gewesen, dass er sich im Wald der finsteren Gedanken verfangen hatte und dort in das schwarze Loch der Melancholie gefallen war. Und wer da reinfiel, kam nie wieder lebendig heraus, das wusste Ella. Oder doch?

 

 „Du wirst ihn nicht retten!“, schrieen die Mieseprechte in Ellas Ohr. „Das ist eine Falle! Kevin will dich in den Wald der finsteren Gedanken locken und dich selbst in das schwarze Loch der Melancholie stürzen."

„Haben sie recht“ fragte sich Ella ängstlich? Sie weinte nächtelang in ihr Kopfkissen. Und eines Tages war sie so traurig, dass sie selber im Wald der finsteren Gedanken stand. Von den dicken Trauerweiden ragten knorrige Äste wie mahnende Finger in den Weg. Die Sterne, die sich über dem Wald versammelt hatten, trugen ein dickes graues Fell. Einzelne Augen huschten über dem Moos hin und her. Bei jedem Schritt schmatzte und gurgelte es. Ella hatte furchtbare Angst. Die Mieseprechte flüsterten ihr ins Ohr: „Das hast du nun davon, du dumme Kuh. Aber noch kannst du umdrehen. Lass doch den dussligen Kevin in dem Loch verschimmeln!“

 

Sich die Ohren zuhaltend gelangte Ella bald ans Ziel. Sie legte sich flach auf den Bauch, robbte an den Rand des Lochs und riskierte einen Blick in den tiefen Schlund. Sie konnte lautes Zischeln und Stöhnen aus dem Loch hören. Die Wände des Lochs waren glibberig und schwarz und stanken widerwärtig. Ella kroch noch ein Stück vorwärts.  Da verlor sie den Halt und stürzte auch in das schwarze Loch!

 

Tiefer, immer tiefer ging es in den Schlund der Melancholie hinein. Die unbeschreibliche Macht der Traurigkeit begann von Ella Besitz zu nehmen. Ständig kämpfte sie mit den Tränen, ihr Kopf erschien ihr schwer, ihre Gedanken dunkel. Alles was ihr vorher wichtig gewesen war, löste sich in Leere auf. Ella verlor jeden Willen und jeden Tatendrang. „Ich sterbe“, flüsterte sie. Plötzlich packte jemand ihren Arm. Das war Kevin, der auf seinem Vorsprung kniete und mit letzter Kraft Ella festhielt.

 

 Lass dich nicht von den ungeheuren Stimmungen hier unten auffressen", sagte Kevin ernst zu Ella. Er legt sich Ellas Arme um den Hals und begann den Aufstieg. Mit einem vor Kraftanstrengung entstelltem Gesicht arbeitete sich Kevin an der steilen, stinkenden, glibberigen Wand des schwarzen Lochs empor. Er stieß seine Faust bis zum Ellenbogen in die fauchende Masse, um irgendwie Halt zu kriegen. Tränen der Erschöpfung jagten über seine Wangen. Ella hielt von hinten sein Herz fest, damit es nicht aus seiner Brust sprang. Nach endlosen Stunden tauchten plötzlich ihre Köpfe wieder über dem Rand des Lochs auf. Das schwarze Loch der Melancholie rülpste laut.

 

 

Als Hugo genüsslich am Lutscher leckt

Mama den Zeigefinger in die Höhe reckt:

"Hugo, Hugo, den Zucker lass sein,

sonst freut sich bald das Zahnwehmännlein!"

Als Hugo sich faul vor dem Fernseher räkelt

Papa sofort in der Tür steht und mäkelt:

"Befrei dein Zimmer von Chaos und Dreck,

sonst frisst das Spielemonster dein Spielzeug weg.

Als Hugo sich mit der Carmen zankt

kommt Opa Heinrich angewankt:

"Seid artig und benehmt euch nicht wie Rinder,

sonst kommt der wilde Mann und der frisst Kinder!"

 

Am Abend hat Hugo die Verbote satt,

ist froh, als er die Tür hinter sich geschlossen hat.

Doch was sehen seine Augen -

Hugo kann es gar nicht glauben.

Artig aufgereiht und vom ersten Eindruck nett,

sitzen Zahnwehmännlein, Spielemonster und wilder Mann auf seinem Bett.

Die Schrecken der Kindheit sind sichtlich verdrossen,

als hätten sie ihren Job nie genossen!

 

Wütend spricht Zahnwehmännlein voller Groll:

"Hab vom Löcher-in-Zähne-Fressen die Schnauze voll!"

Spielemonster heult und beginnt kläglich zu krähen:

"Fremdes Spielzeug kann ich gar nicht mehr sehen!"

Und der schreckliche wilde Mann

vor Kummer kaum noch gerade sitzen kann.

Die Drei bilden ein Bild zum Gotterbarmen,

Hugo eilt und holt seine Freudin Carmen.

 

Etwas ratlos stehen die Beiden,

vor den finsteren Gestalten, die leiden.

"Leute", ruft Hugo, "Trinkt nene Schluck Brause,

was ihr braucht, das ist ne Pause!"

Jeder braucht ne Auszeit, zumindest ab und zu,

sonst kommt die Seele gar nicht mehr zur Ruh.

Sicher passieren ganz famose Sachen,

wenn finstere Gestalten mal was ganz anderes machen.

 

Hugo und Carmen führen die Drei

in eine benachbarte Zuckerbäckerei.

Zahnwehmännlein spürt das unendliche Glücksgefühl

von Schokolade auf der Zunge und Eis, ganz kühl.

Er schmeckt und leckt und es wird ihm ganz heiß:

"Es wurde Zeit, dass auch ich von diesem Aroma weiß!"

Die Tränen fließen, die Anspannung verschwindet.

Jetzt weiß er, was Schokolade und Kinder verbindet.

 

Hugo sagt: "Es steigert das Wohlbefinden beträchtlich,

wenn man ab und zu bei Freunden nächtigt."

Das ist der Monster-Urlaub zweiter Schritt.

Sie traben los und nehmen alle mit.

Bei Carmen im Zimmer entdeckt Spielemonster, vor Schreck ganz still

einen rieseigen Müllberg - wenn man so will.

Carmen zieht darauf ein wichtiges Gesicht:

"Du kennst wohl die Chaostheorie noch nicht?"

Von dem Baustein-, Teddy- und Autogewimmel

kriegen nur Erwachsene den Aufräumfimmel.

Aber eigentlich kann man nur drüber lachen,

denn im Leben finden sich alle Sachen.

Auf einmal gibt es ein lautes Geheul und Geschrei,

wilder Mann klatscht Spielemonster eine, oder auch zwei

"Das ist mein Stuhl, hier saß ich,

Gemeinheit und deshalb beiß ich dich!"

"Bleibt ruhig", Hugo streichelt die beiden am Kopp.

"Wir machen doch Urlaub von unserm Job."

Aus seiner Haut heraus kommen ist nicht leicht.

Nur wenn man übt, wird man Meister - vielleicht.

Ihr könnt es an euren Eltern sehen.

Wer auf Dauer verkrampft, wird unbequem.

 

Die Fünf einigen sich auf Ruhe und Frieden,

man beginnt das Versteckspiel innig zu lieben.

Das Zahnwehmännlein sich vor Lachen verschluckt,

weil niemand ihn findet, obwohl sein Bein hervorguckt.

Spielemonster murmelt als Erster ins Ziel.

Hugo lobt ihn, das hilft immer viel.

Carmen massiert derweil einen wilden Rücken.

Das tut den dazu gehörigen Mann entzücken.

Doch dann ist Zeit für den Abschied gekommen.

Die Freunde haben sich in den Arm genommen.

Wie immer werden jetzt die drei finsteren Gestalten

die Ordnung, das Betragen und Naschen verwalten.

Hugo und Carmen winken und sagen Adé:

"Denkt dran, ab und zu ein Urlaub, das tut nicht weh."

Zahnwehmännlein spricht, als Hugo in ein Bonbon beißt:

"Wir werden uns noch hören, nur damit du's weißt."

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