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Pizza-Piet!

15.03.2010

Pizza-Piet ist langweilig. Um ihn etwas aufzuheitern, beschließt sein Vater, eine Pizza aus ihm zu machen. So wird die Pizza auf den Tisch gelegt, geknetet, mit Öl begossen, mit Salami (Spielsteine) und Käse (Papierschnipsel) belegt. Doch... als sie in den Ofen soll, rennt die Pizza weg. Jetzt ist nämlich die Sonne wieder heraus gekommen und Piet kann wieder Fußball-speilen gehen.

Der Pizza-Piet zählt bei uns zu den "bewegten" Kinderbüchern. Denn natürlich muss ich nach dem Vorlesen auch aus Herrn Schlönske eine Pizza machen. Da es hierfür bekannterweise verschiedenste Beläge gibt, ist das auch eine abwechslungsreiche Beschäftigung. Final kann man dann eine knusprige, durch geknetete Schlönske-Pizza, die sich naturgemäß ganz steif macht, in den Ofen (hier: Bett) schieben. Da kann sie dann bis zum nächsten Morgen schön durchziehen.

Ganz bezaubernd auch die Widmung von William Steig vorn im Buch: "Für Maggie, die meine erste Pizza war." Seufz. Steig (1907-2003) wollte nie erwachsen werden, sagt Wikipedia. Wer William Steig nicht kennt, hat aber sicher schon einmal Shrek gesehen. Und dieses grüne Vieh hat sich auch kein Geringerer als William Steig ausgedacht.

Viel Spaß beim Pizza-Backen!

 

Im Schummerlicht ein wenig verblasst: eine wahrhaft formidable Legebox für Hühner, selbstgebaut aus einem Transparent mit der Aufschrift:

Den Delegierten des X. Parteitages. Für Frieden und Sozialismus Immer Bereit!

Von so viel Subversivität bei ihren Großeltern auf dem Lande weiß Nadia Budde zu berichten. Ihr Buch: "Such dir was aus, aber beeil dich! - Kindsein in 10 Kapiteln" erzählt auf ganz besondere Weise von Erinnerungen an das Kindsein in der DDR.

Besonders rührend finde ich den zärtlichen Blick auf die Bäuerinnen Ingeborg, Renate, Hertha, Gertrud und wie die Kolleginnen der Großmutter alle hießen. Alle hatten schrumplige Ellenbogen, große Brüste und dicke Fesseln. Jeden Tag schufteten sie auf dem Feld. Aber am 8. März! Ja, da verwandelten sie sich in Damen von Welt!!! Sie dufteten nach süßem Parfüm, trugen eine neue Dauerwelle und blauen Lidschatten, tranken Likör und jede bekam eine von den frauentagsüblichen Plastik-Ansteckblumen. Königinnen, wahrhaftig.

Das waren die glanzvollen Momente des Landlebens inmitten Hühnerstallausmisten, dreckigen Landfüßen mit Hornhaut und Kartoffelkäfern. Eine wundervolle Ferienzeit bei den Großeltern auf dem Land. Genauso viele aufmerksam beobachtete Details weiß Nadia Budde auch vom Kindsein in der Stadt zu berichten.

Es geht um Dinge wie ins Badewasser pinkeln, Läuse haben, nicht auf Gehwegplatten mit Sprung treten, aus der Zahnlücke Blut saugen, Puppenhaare schneiden, in Seife beißen, im Frühhort heiße Milch mit Haut trinken, Altpapier sammeln, Schorf abkratzen, Eiskunstläuferin sein wollen, vor Schmerz nicht atmen können, grüne Äpfel essen...

Es handelt sich um ein sehr sinnliches Buch mit schrägen Zeichnungen. Ganz viel fällt einem beim Lesen wieder ein, man kann  das "Früher" schmecken, riechen und fühlen. Neben den ganzen witzigen Kind-in-DDR-sein-Details findet man hier auch poetische Miniaturen und Gleichnisse:

"Zeit ist eine Busfahrt. Vorn wird gesteuert, hinten kann man aus dem Fenster schauen. Manchmal fliegt die Landschaft draußen vorbei. Manchmal glaubt man, neben dem Bus herlaufen zu können. Wenn der Fahrer den Bus anhält, muss man aussteigen."

Alle Kindheitssommer sind wie ein Sommer!

1929 erschien Virginia Woolfs berühmtes Essay "Ein Zimmer für sich allein". Ein grundlegender Gedanke darin: Frauen können nur große Literatur produzieren, wenn sie 500 Pfund im Jahr bekommen und ein Zimmer für sich allein haben. Woolf beginnt ihren Essay mit einem fiktiven Spaziergang über den Campus von „Oxbridge“ (aus Cambridge und Oxford). Man hindert sie, über den Rasen zu gehen, und man gewährt ihr keinen Zugang zur Bibliothek. Was würde Virgina heute denken, wenn man ihr das neueste Notebook in die Hand drückte? Schreiben und recherchieren überall und jederzeit möglich. Freunde, egal wo sie sich befinden, immer ansprechbar für alle Nöte und Sorgen. Unglaubliche Verfügbarkeiten. Was hätte sie heute geschrieben?

 

Der Gärtner schneidet die Büsche, gießt die Rosen, legt Drainagen unter Erde, um die Bäume besser zu bewässern. Im Herbst verbrennt er das überschüssige Laub. Er verbindet die Bäume, damit die Rehe nicht an der Rinde knabbern. Er tut, was im Frühling, Sommer, Herbst und Winter getan werden muss, Jahr ein, Jahr aus. Ein stetes Gedeihen und Vergehen auf dem Grundstück rund um das Haus am Märkischen Meer.


Verlassen die Hausbesitzer im Winter ihre Sommerfrische, stellt der Gärtner das Wasser im Haus ab. Der Sommer kommt und geht, genauso wie die Besitzer des Grundstücks, des Hauses, des Badehauses, des Obstgartens. Kommen und gehen, aber niemals scheinen die Besitzer anzukommen. Ihre Schicksale sind geprägt von Träumen, Ängsten, Realitäten. Letztere ändern sich mit der Zeit: Kaiserreich, Weimarer Republik, Nazizeit, Krieg, DDR, Wende…


Die Menschen, deren Lebensgeschichten dieses Haus kreuzen, sind nie Sieger. Das Haus wird heimgesucht von Emporkömmlingen, es erduldet Straftaten, es hütet Geheimnisse. Das Haus ist ein Kleinod mitten in ergreifend schöner Natur und doch findet niemand hier den ewigen Frieden, niemand eine dauerhafte Heimat.


Am Ende, wenn das Haus kaputt ist, muss auch der Leser Abschied nehmen von diesem Haus, von dem er inzwischen jedes Detail kennt. Das Haus ist ihm vertraut geworden, genauso wie seine Menschen. Zum Beispiel Klara, die nicht dazu kommt, das Grundstück in eine Ehe mitzubringen, weil sie vorher wahnsinnig wird. Oder der Architekt des Hauses, der zur Gruppe Albert Speer gehörte und dessen Frau früher eine Zirkusprinzessin werden wollte. Ein Rotarmist bohrt am Ende des Krieges mit nur einem Wort ein Loch in ihre Ewigkeit. Der Tuchfabrikant und seine Familie enden in den Gaskammern. Ein Ostdeutsches Schriftstellerehepaar arrangiert sich. Der heiß geliebte Kinderfreund wird später als Mann verschmäht. Die Unterpächter lieben das Segeln, nach all den Jahren im Gefängnis, weil die Flucht in jener Nach missglückte.

 

Noch tagelang gehen einem diese ganzen Schicksale im Kopf herum. Es ist ganz richtig im Klappentext zu "Heimsuchung" von Jenny Erpenbeck bemerkt: "Worin das Geheimnis dieses Romans besteht, woraus sich sein Glanz, seine Wucht und seine eminente Dramatik entfalten, ist schwer zu sagen." Die poetische Sprache, die eigene Atmosphäre der verschiedenen Kapitel, die psychologische Tiefe, die erst mit der Zeit hinter den Figuren hervortritt – all das berührt. Ich habe lange nicht mehr so ein beeindruckendes Buch gelesen.

 

Ich lese gerade den neusten Fall von Kommissar Adamsberg. Da entwirft Fred Vargas ein Bild, dass mich seit Tagen nicht mehr loslässt: Vor einem Friedhof stehen 19 Paar Schuhe auf dem Fußweg. Das Besondere an ihnen: Die Füße stecken noch drin. IGITT!!!

Will an deinen leib mich fügen

ohne furcht vor meinem end'

Will mir einen frieden lügen,

der nicht auch die kriege kennt.

 

Will in deinen achselhöhlen

dunkel tun auf mein gesicht.

Will von mir das wissen stehlen,

dass ein wechsel ist im licht.

 

Will an deinen küsten landen:

lieber bitter sein als leer.

Lieber will ich an dir stranden,

als zu sinken auf dem meer.

 

Lass mich lange an dir leben,

wenn du mit mir leben willst.

Will dir wohl erfüllung geben,

wenn du dich in mir erfüllst.

 

Und nach überlangen jahren,

wenn ein grau dein haar beschlägt:

wenn wir wissen, wer wir waren,

wissen wir, was weiterträgt.

 

von Andreas Reimann, dem Leipziger Dichter: http://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_Reimann

Ich bin sonst nicht so in Lyrik..., aber das hier bewegt mich.

Das alizarinblaue Zwergenkind

Nein, was hab ich gelacht!

Da kommt doch diese Nacht
Ein kleinwinzig Zwergenkind
Aus dem Bücherspind, hinter Kopischs Gedichten hervor
Und krebselt an meinem Schreibtisch empor.

Trippelt ans Tintenfaß: "Was ist denn das?"
Stippt den schneckenhorndünnen Finger hinein,
Leckt,- "Ui, fein!"
Macht halslang, guckt dumm
Nochmal in der ganzen Stube rum,
Gottseidank, allein!

Zwergenvater begegnet sich selber im Mondenschein,
Mutti, um was Gescheiteres anzufangen,
Is e bissel spuken gegangen.

Da knöpft es sein Wämschen ab,
Hemd runter, - schwapp!
Spritzt's ins Tintenbad hinein,
Taucht, plantscht, wischt die Augen rein,
Pudelt und sprudelt,
Nimmt's Mäulchen voll,
Prustet ein Springbrunn hoch zwei Zoll,
Streckt's Füßchen raus, schnalzt mit den Zeh'n,
Taucht, um mal auf'n Kopf zu stehn, -

Endlich Schluß der Bade-Saison!
Klettert raus, trippelt über meinen Löschkarton,
Schuppert sich, über und über pitsche-patsche-naß,
"Brr, wie kalt war das!"
Ist selig, wie es sie zugesaut,
Und kriegt eine alizarinblaue Gänsehaut.

Nun trocknet sich's auf dem Löschpapier,
Probiert dort und hier,
Was da für'n feines Muster bleibt, -
Als ob einer, der schreiben kann, schreibt!
Ein Fußtapf, - wie 'ne Bohne beinah!
Ein Handklitsch, - alle fünf Finger da!

Nun die Nase aufgetunkt,
Lacht schrecklich: Ein Punkt! Ein richtiger Punkt,
Wo's aber gesessen hat
Auf dem roten Blatt, -
Wie's da hinguckt,
Da hat's ein Dreierbrötchen gedruckt,
Ein kleinwinziges zweihälftiges Dreierbrot,
Blau auf rot!

Erst lacht's. Dann schämt sich's.

Und dann so schnell es kann
Durch den Mondenschein in’n Schrank hinein!

Ein Weilchen noch hinter den Büchern her
Hörte ich's piepsen und heulen sehr,
Hat so arg geschnieft und geschluckt,
Weil es das Dreierbrötchen da hingedruckt!

 

von Börries, Freiherr von Münchhausen

Au Kacke!

27.09.2009

So charmant kann eine Kackwurst sein! Schwuppdiwupp die fesche Badekappe übergezogen, übt sie das Brustschwimmen in der Kanalisation.

Kacke hat viele Gesichter! Da sind die fiesen Bakterien, die am Klobeckenrand kleben und fordern: Wir wollen Kacke haben! Oder die Blumen, die Kacke als Dünger benötigen. Es gibt viel Sorten, Meinungen. Beziehungen und Konsistenzen von Kack und die schwedische Autorin und Museumspädagogin Pernilla Stalfelt verschweigt nichts, aber auch gar nichts.

Fazit des Kinderbuches:  "Ohne Kack würd gar nichts sein."

Stalfelt wurde unter anderem für ihr Kinderbuch über den Tod "Und was kommt dann?" für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Im Moritz Verlag erschien außerdem von ihr: "Ich mach dich platt! Das Kinderbuch von der Gewalt."

PernillaStalfelt: So ein Kack! Moritz Verlag 2005

Eine Empfehlung von Herrn Schlönske!

Ricos Welt

20.09.2009

Rico ist tiefbegabt. Er ist nicht blöd, aber er kann nicht so schnell wie andere. Seine Mama arbeitet nachts und hat die schönsten Fingernägel von Berlin. Ricos Freund Oskar ist Klugscheißer. Einer, der einfach alles weiß. Zusammen ergibt das eine explosive Mischung. Und ganz nebenbei erklärt uns Rico die Welt. Er muss sich nämlich alles aufschreiben, um es nicht zu vergessen. Als Vorgeschmack hier die Erklärung zum Begriff "Champagner":

"Sekt in teuer aus erpressten Weintrauben. Man kann Trauben auch trocknen, bis sie schrumpelig sind, dann landen sie als Rosinen im Studentenfutter, oder man weicht sie ein, dann kommen sie in den Käsekuchen. Es gibt also für die Traube kein Entkommen. Sie ist vermutlich das meistgejagte Obst der Welt."

Andreas Steinhöfel: "Rico, Oscar und das Herzgebreche", Carlsen 2009 Eine Empfehlung von Herrn Urz

Gleich vorweg: Dieses Buch ist schon ein Muss wegen der Illustrationen der unvergleichlichen Rotraut Susanne Berner. Und es legt vor allem den Finger in die Wunde: Die Hyäne stinkt, ist voller Ungeziefer, schmatzt, rülpst, besitzt Null Kontenance... und obwohl wir es ahnen, entwaffnet uns ihre Beichte: "Ich bin gar keine Prinzessin!" Und wer ist auch keine? Freiwillige vor!

(Ich bin vor allem keine, weil ich grad nicht weiß, wie ich dieses verdammte Bild drehe, und Prinzessinen fluchen nicht. Außer Lieschen Radieschen, aber das ist eine andere Geschichte. Googelt doch selber)

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